Familie

Jeder Mensch wünscht sich eine Familie, unabhängig davon, ob er eine hat oder nivht. Unabhängig davon, ob er das Gefühl, eine Familie zu haben kennt oder nicht.

Naja auch ich kenne natürlich eine Familie. Sie bestand aus meinem Vater, von dem ich mir sicher bin, dass er mich aufrichtig und um meinetwillen liebte. So wie  er seine Frau liebte, bis zum Ende. Ja auch sie liebte mich, wenn auch eine Spur von Eifersucht in ihrer Liebe mitschwang. Zwischendurch vielleicht sogar Hass, aber je älter und verständnisvoller ich ihrer Situation gegenüber wurde, desto mehr verabschiedete sich ihr Argwohn mir gegenüber.

Dann ist da noch meine Mutter. So lange ich klein und abhängig war, liebte sie mich. Dann wurde ich größer und eigenständiger, und schon nahmen ihre Versuche zu, mich unter Kontrolle zu kriegen, mich abhängig zu machen, mir ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber einzutrichtern. Mit Erfolg. Dann wurde ich reifer und selbstständiger. Schon begann ich, ihr peinlich zu sein. Peinlich in den Augen ihrer Schwester, ihrers Schwagers und deren beider Kinder. 

Ja auch dieser kleine Teil gehört zu meiner persönlichen Familie: eine Tante, ein Onkel und Cousin und Cousine. Als ich klein wahr, war ich geduldet, mehr nicht. Schließlich war ich ein Kuckuckskind und alles was mir positiv in Erinnerung blieb, verblasste im Laufe der Zeit unter dem Mantel der Scheinwelt nach außen hin.

Dann wurde ich erwachsen, naja zumindest was Alter und eigener Familie betraf. Aber diese eigene Welt bestand zunächst nur aus meinem Sohn und mir. Dieser Umstand verhalf mir zunächst zu dem Umstand der Akzeptanz gegenüber den "richtigen" Teil  dieser grotesken Welt, nämlich Tante, Onkel und Konsorten. Aber auch das war nur für die Dauer des Augenblicks nach außen hin. Nach dem Motto: "wir haben unsere Pflicht getan", vergrub sich diese Welt auch wieder in die Scheinheiligkeit.

Fazit: Familiäre Nestwärme gab es rückblickend nie. Demnach kam ich nie in Genuß zu lernen, was es heißt, eine Familie zu haben. Nie konnte ich in Zeiten der Not um Rat fragen, nach Hilfe bitten oder ähnliches.

Dann trat mehr oder weniger per Zufall ein Mann in mein Leben. Ein Leben, dass nicht gelaufen ist wie es sollte. Ein Leben, in dem ich verpasst habe, mir selbst beizubringen, wie man erwachsen ist, reagiert und handelt. Dem Verhalten nach bin ich immer das Kind geblieben, weil ich nie lernen durfte, wie ein Erwachsener agiert, handelt und denkt. Das ist aufgrund der fehlenden Akzeptanz meiner Person gegenüber an mir vorbeigesaust. Daher kommt auch meine soziopathische Art zu handeln und zu denken. Soziale Gefüge gab es nie und wurden nicht erlernt.

Und das bring mal den Mann bei, der mich heiraten sollte. Er sah mich, fand michg zunächst vielleicht hübsch. Auf den zweiten Blick war er wohl beeindruckt über meine scheinbare Intelligenz und Selbstständigkeit. Ja selbstständig und selbstbewußt war ich auch. Solange, wie ich für mein Kind und mich allein verantwortlich war.

Mit einmal wurde ich in eine Welt geschleudert, die Familie heißt, in der man sich angeblich gegenseitig achtet, unterstützt und hilft. Und genau deshalb war ich wohl anfällig für diese Art von Abhängigkeit. Alles war da. Nachdem mein geliebter Papa gestorben war, mein Brutkasten immer geldgieriger wurde, war die Familie meines Mannes, dass, was sich jedes Mädchen erträumt und im Kindergarten übt: "Mutter, Vater, Kind". Mädchen sein wollte ich nie, wahrscheinlich besaß ich zuviel Testosteron, aber die Träume waren durchaus dieselben.

Ich begann mein Leben zu genießen, in die richtigen Bahnen zu lenken. Ein Kind (nicht vom Ehemann), ein Mann, ein Job, seit kurzem große Wohnung, neues Auto. Man könnte denken ich sei am Ziel angelangt.

Weit gefehlt: der Preis war meine Seele, und ich wußte das. Was ich nicht beachtet habe, was ich nicht sehen wollte, trotz der vielen Warnungen, mein Mann lebte in seiner Welt. Und in dieser hat ein Mensch wie ich, mit meinem Charakter, meiner Art zu leben, mein Unvermögen familär zu sein, nix zu suchen. Aber rein gar nichts. Ich hatte seine Mentalität, seine Herkunftz, seine Religion unterschätzt, hatte es immer damit abgetan, er sei anders, andere hätten keine Ahnung, weil sie ihn nicht kennen. Aber kannte ich meinen Mann wirklich? Seine Art zu denken und zu leben, geführt zu werden von der Institution seiner Familie, in der er selbst nur Sklave war? In seiner Welt sind Frauen putzende Gebärmaschinen. Anfangs schien es ihm zu gefallen, dass ich anders war, eher ein Freund. Ich war nicht nur seine Frau, ich war auch seine Freundin, ein Kumpel, war Geliebte. Das gefiel ihm. Aber nur solange dieser Schein privat blieb. Aber ich bin nicht privat. Da ich nie wirklich eine Familie hatte, hatte ich auch nie das Prinzip einer solchen und deren Privatsphäre gelernt. Also trug ich meinen Kummer, meine Probleme nach außen, in der Hoffnung reden zu können, Rat zu finden (Familie konnte ich ja schließlich nicht fragen).

Und genau das war der Fehler, der Beginn der Hölle, oder zumindest einer Vorstufe davon. Zuerst verlor ich meine Freunde, sie verstanden mich nicht mehr und ich sie nicht. Die rosarote Brille hat wohl auch meinen Willen verschleiert. Ja ich hatte mich unsterblich in meinen Mann verliebt, und er sich in mich. Da bin ich mir sicher. Aber meine Art, mein Nicht-Gelerntes haben seinen Unmut, seine negativen Seiten nach außen gekehrt. Plötzlich verstanden wir uns nicht mehr. Er mich nicht, ich ihn nicht.

Mit jeden Gespräch, jede Diskussion, die wir führten, bei der es eigentlich um Aufklärung gehen sollte (ich wollte ihn verstehen und er sollte mich verstehen), wurden die Probleme größer. Sein Argwohn wuchs. Je mehr dieser wuchs, desto mehr schwand die Liebe seinerseits mir gegenüber, sein Zorn wuchs, seine Abneigung, sein Hass. Und das weckte das Tier in ihm.

Immer noch überzeugt von seiner liebenden Art, seiner Fähigkeit, mich zu lernen, mich zu verstehen, oder es zumindest zu versuchen, hab ich immer wieder die Abrissbirne in seine Gefühle gerammt. Immer wieder habe ich an seinen Verstand appeliert, er möge mich bitte nicht wie eine dieser Frauen betrachten, die er seit seiner Kindheit gewöhnt war. Aber ich hatte seine Familie, seine Erziehung nicht beachtet. Und da ist wieder dieser unauslöschliche Schmerz in mir. Egal wie sie auch ist, aber er hat eine Familie, ich wollte Teil sein, aber eigentlich wurde ich von Anfang an nicht gewollt. Seit Beginn unseres Lebens war ich eigentlich nur Mittel zum Zweck. Entweder ich beuge mich und werde Teil dieser Familie, wie sie es wünschen, oder ich gehe unter.

Deshalb stehe ich hier, hier am Abgrund, schaue hinab in die Tiefe und sehe die Qualen, die auf mich zukommen. Selbst wenn ich empor schaue, sehe ich nichts außer dem Nebel. Nur ahnen kann ich, was sich dahinter verbirgt, aber ich meine, auch dort nur einen weiteren Weg in die Hölle zu erkennen. Also kann ich wählen, die Hölle der Einsamkeit oder die Hölle der Abhängigkeit.

Und das alles nur, weil ich eine Familie wollte, weil ich nie gelernt habe, familiär zu denken und zu handeln, weil ich wegden dieser Umstände im Kopf ein dummes, naives Kind geblieben bin, dass nicht bereit ist, die Hoffnung an das Gute aufzugeben, selbst um den Preis, dass man wie ein Kind nach dem Lutscher danach betteln muss. Selbst wenn das heißt, sich erniedrigen lassen zu müssen.

 

23.10.15 21:58

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